(B) Die Wege, die wir gehen….

Sie nennen es den friedlichsten ersten Mai seit 1987, wir sagen: Schön für euch. Ihr mögt sogar recht haben, berücksichtigt man, mit welchen Zahlenspielereien solch ein Fazit gezogen wird. Anzahl der Festnahmen plus die Zahl der verletzten Bullen und vielleicht noch die Höhe des Sachschadens sind das Ausschlaggebende für die Herrschenden. Je nach dem was politisch gerade gewollt ist, wird entweder der friedlichste erste Mai beschworen oder aus einer brennender Mülltonne die wildeste Straßenschlachten herbei phantasiert.

Wie dem auch sei, wir schenken dem nicht sehr viel Beachtung, denn es ist klar, dass diese Zahlen alleine in ihren Händen liegen und vor Allem nur wenig damit zu tun haben, ob etwas qualitativ gut oder schlecht war.

Um diese Frage der Qualität zu beantworten macht es Sinn nochmal genauer darauf einzugehen, was wir uns vom ersten Mai erhofft haben, wieso wir als Gruppe daran Teil genommen haben und weshalb wir die Idee des anarchistischen Mobs mitgetragen haben.

Die „revolutionäre 1.Mai Demo“

Angeknüpft an die Diskussionen rund um die unangemeldeten Demos zum Todestag von Carlo und dem Polizeikongress, fanden wir den Gedanken, die „revolutionäre 1. Mai Demo“ mit ähnlichen Fragestellungen anzugehen, sehr reizend, denn schon lange können wir, in Anbetracht der Art und Weise wie diese Demo vom Bündnis organisiert und umgesetzt wird, eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln.
Erstens wegen der inhaltlichen Ausrichtung, welche die letzten Jahre unverhältnismäßig von nur einigen wenigen Gruppen aus dem Bündnis dominiert wurde, zweitens aufgrund der Selbst-Inszenierung dieser Zusammenhänge und drittens wegen der Herangehensweise an diesen Tag: Anmeldung, Bullengespräche, Pressekonferenzen, Interviews.
Gekrönt wurde das diesjährige Spektakel mit einer Delegation der griechischen Linkspartei „Syriza“. Ein reiner Selbstzweck, um den internationalen Habitus am Leben zu halten. Und während die Szeneprominenz gegen Nationalismus wetterte, mussten sich einige beherzte DemoteilnehmerInnen immer wieder mit einem Menschen herum streiten, auf dass dieser doch endlich seine griechische Nationalflagge einpackt. Was solch reformistische, parlamentarische Kräfte – nicht nur aus Griechenland – auf einer revolutionären Demonstration zu suchen haben fragen wir uns jedes Jahr.

Wie so viele sind wir trotzdem immer mit gelaufen, aber als „unsere Demo“ haben wir sie schon lang nicht mehr wahrgenommen. Das Einzige was einem blieb, waren die direkten Aktionen im Demoverlauf und eigene Aufrufe und Plakate im Vorfeld, mit denen wir die letzten Jahren versucht haben, die Revolten in Nordafrika und dem Südeuropäischen Raum mit unseren Kämpfen zu verbinden. Wir haben keine Lust darauf das selbe politische Spektakel durch zu spielen, wie es etwa die besagten Gruppen aus dem Bündnis tun, allein weil es im großen Gegensatz zu unserem anarchistischen Verständnis steht, weshalb wir einen anderen Weg eingeschlagen haben.
Ein Ziel unsererseits war es, auf der Demo und rund um den ersten Mai, eine anarchistische Präsenz zu schaffen, auch um nicht immer wieder hinter dem fragwürdigen Meer von Fahnen von irgendwelchen Gruppen hinterher zu latschen, die sich schlussendlich damit beweihräuchern, wie viele Menschen sie unter ihrem Banner versammeln konnten.
Eine anarchistische Präsenz aber auch um gewisse Widersprüche dieser Demo, welche unter dem Mäntelchen „revolutionär“ stattfindet, ans Licht zu fördern. Denn seit Jahren gelingt es nicht aus dem Verbalradikalismus auszubrechen (Ausnahme war vielleicht 2009) und dieser Radikalität ganz konkret Ausdruck zu verleihen. Damit meinen wir, dass an die Themen, welche diese Demo vermitteln will, durch unser Handeln auf der Straße militant und kreativ angeknüpft wird.
Bullen angreifen, Banken und Kaufhäuser einwerfen, Häuser und Büros besetzen oder blockieren, Supermärkte plündern oder Kameras zerstören. Nur einige Beispiele dafür, wie wir unsere Kritik an Stadtaufwertung, Überwachung, Autorität, Rassismus etc. Taten folgen lassen wollen. Dies setzt jedoch voraus, dass die organisierenden Gruppen auch gewillt sind, ihre Aufrufe ernst zu nehmen und diesen Anlass unter dem Aspekt zu planen, das eben auch Möglichkeiten entstehen die eine militante Auseinandersetzung zulassen.
Leider mussten wir feststellen, dass dies nicht gewollt war, auch wenn einzelne Gruppen das vielleicht ganz gut gefunden hätten. Doch sind sie nicht beweglich genug, um aus ihren festgefahrenen Organisationsstrukturen neue Wege einzuschlagen und damit experimentieren zu können. Viel zu wichtig scheint ihnen die Selbstinszenierung zu sein. Die politischen Machtspielereien auf einer Ebene mit Polizei und Politik um die Demoroute, sind für immer zum Scheitern verurteilt. Dass sich dem, auf Biegen und Brechen unterworfen wird, nur um am Ende mit 15 000 Leuten unter völliger Kontrolle der Bullen ins „Herzen der Bestie“ zu latschen, können wir einfach nicht nachvollziehen. Und als offene Frage bleibt für uns nach wie vor, was man den mit diesen ganzen Leuten im dort, vorm Brandenburger Tor machen wollte? An die Regierenden appellieren? Die Touristen beeindrucken? Einfach mal „Hallo!“ sagen, um dann frustriert wieder nach Hause zu gehen?
Wir sind der Meinung, dass dieses „Biest“ nichts Anderes verdient, als das Feuer der Revolte und dazu ist eine angemeldete Demo am 1.Mai unter totaler Überwachung der Autoritäten höchst ungeeignet für.
Natürlich können wir den Bezug zu den Rebellionen der südlicheren Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal verstehen, wo regelmäßig Demonstrationen vor die Regierungsgebäude ziehen. Nur finden diese unter ganz anderen Bedingungen statt. Hunderte Militante beteiligen sich dort an Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht oder versuchen in Anlehnung an die Revolten in Nordafrika diese Orte zu besetzen um die totalitäre Kontrolle der Herrschenden in ihrem Terrain zu durchbrechen. Da wir in Deutschland zur Zeit nicht auf eine große Beteiligung aus der Bevölkerung für solche Aktionen zählen können, bleibt unsere Stärke das Unberechenbare; wilde Demonstrationen oder Mobs, die sich spontan zusammenschließen, zuschlagen und wieder auseinander gehen.
Wir hatten die Hoffnung, dass sich dies auf irgendeiner Art und Weise mit dem ersten Mai verbinden lässt. Im Nachhinein können wir sagen, dass die von den Bullen diktierte Demoroute doch viel zum Scheitern einiger Pläne beigetragen hat. Es gab kaum Möglichkeiten an dieser Wegstrecke Aktionen umzusetzen, einerseits weil es im Kreuzberger Teil kaum etwas Geeignetes gab und andererseits, weil die Route auf ganzer Länge so verlief, dass es den Cops möglichst einfach gemacht wurde, die Demo taktisch in Schach zu halten.
Wir sehen dies als Resultat aus den Verhandlungen, dem Kniefall vor der Staatsmacht, welcher sich zusätzlich so stark in die Länge zog, dass kaum Zeit blieb gut vorbereitet wenigstens Teile der Strecke mitlaufen zu können. Natürlich kann jetzt auch behauptet werden, dass die Leute nicht entschlossen genug gewesen wären, aber wir dürfen auch nicht den Sicherheitsaspekt an diesem Tag ausblenden. Dementsprechend halten wir es auch für vernünftig, dass sich der schwarze Block nach den Angriffen auf die Cops an der Shell-Tankstelle, auflöste.. .

Zum anarchistischen Beitrag

Wir haben uns darüber gefreut das relativ schnell eine lebendige Diskussion unter autonomen/anarchistischen Gruppen in der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Einige Beiträge fanden wir sehr beflügelnd, andere etwas weniger gelungen. Grundsätzlich finden wir es aber gut und notwendig, dass in letzter Zeit wieder vermehrt Debatten über Sinn und Unsinn von gewissen Aktionen, Ereignissen und Demos stattfinden, um unser Handeln in Frage zu stellen und neue Möglichkeiten auf dem Weg in die Fröste der Freiheit auszuprobieren. Ebenfalls fanden wir die „Flugschrift zum 1.Mai für erlebnisorientierte Jugendliche“ sehr erfrischend, da sie verschiedenste Fragen in den Raum geworfen hat und den ersten Mai nicht nur historisch betrachtet, sondern auch versucht unsere Kämpfe mit Inhalt zu füllen.
Auch dass die unangemeldete Mieten-Demo wieder stattfand fanden wir richtig und wichtig, um zu zeigen, dass es am ersten Mai möglich sein kann, sich mit hunderten Leuten zu treffen und zu laufen. Für die Zukunft könnten wir uns vorstellen, den Versuch zu unternehmen, das Myfest zu verlassen und eine Route einzuschlagen, auf der uns die Bullen nicht erwarten. Wir sollten so unberechenbar sein, wie wir nur können, sonst „verkommt“ vielleicht auch dieser Ansatz zu einem kontrollierten Teil des Ersten-Mai-Spektakels. Denn es ist leider so, dass die anfängliche Euphorie schnell in die Routine, in das Schauspiel abrutschen kann, wenn wir uns der Selbstbestimmung berauben lassen. Als trauriges Beispiel sei das „Barrio Antifascista“ an dieser Stelle kurz genannt.
Nicht nur das es sich, wenn auch mit politischen Aspekten gespickt, in das Befriedungskonzept der Sauf-und Fressmeile „Myfest“ einreiht, sondern es sich auch wissentlich- nicht zum ersten Mal – von Zivis aus dem benachbarten bezirkseigenen Gebäude überwachen lässt, finden wir fragwürdig und nicht nachvollziehbar. Eine vom Myfest unabhängige, konsumfeindliche Veranstaltung fänden wir viel treffender und unterstützenswerter.

Ein Ziel, dass wir aus unserer Sicht definitiv nicht erreicht haben, war es eine anarchistische Präsenz außerhalb der Bewegung, außerhalb derer die sich die Texte im Internet durchlesen oder unsere Infoläden durchwühlen, herzustellen. Wir denken, dass viel zu viel Energie in die Planung eines möglichen Demoverlaufs verschwendet wurde, wir schlussendlich, nicht nur durch die dadurch entstandene Abhängigkeit zum Bündnis bezüglich der Route, kaum Ideen umsetzten konnten und uns auch nicht, oder nur marginal, mit anderen Dingen im Vorfeld beschäftigten.
Als Anarchisten sollte uns klar sein, dass die „Bewegung“ nur ein kleiner Teil dessen sein kann, wo wir unsere Bezugspunkte setzen, wo wir Leute treffen oder wo unsere Auseinandersetzungen stattfinden. Für mindestens genauso wichtig halten wir es, im öffentlichen Raum präsent zu sein. An den Orten, wo die Kommunikation stattfindet und Reibungspunkte entstehen, um da Verbündete zu finden, wo sich das Leben, fernab unsere Subkultur abspielt: in Cafés, an öffentlichen Plätzen, U-Bahnstationen und und und.
Mit Flyer, Zeitungen, Sprühereien und allem was uns sonst noch einfällt. Dies hat bei vergangenen Anlässen schon besser funktioniert und es wäre wünschenswert, wenn sich diese Tendenz fortsetzen würde.

Und es hat Boom gemacht

Erfreulich finden wir es, dass sich einige Leute nicht allein auf das Gelingen der Demonstration, was auch sehr naiv gewesen wäre, verlassen haben und in räumlicher Distanz zum Kreuzberger Ballermann ihrer Wut freien Lauf ließen. So gab es in Neukölln eine Scherbendemo, währenddessen H&M, eine Bankfiliale und Rossmann ihre Scheiben verloren. Wir finden es ermutigend, dass so was in unmittelbarer Nähe einer Bullenwache am ersten Mai möglich ist, und hoffen auf mehr Kontrollverluste dieser Art. Am frühen Morgen des zweiten Mai hatte dann die Berliner S-Bahn zum wiederholten Male einen Kabelbrand zu vermelden, der den ganzen Tag über den öffentlichen Nah- und Fernverkehr behinderte. Dazu gab es ein ausführliches schreiben das hier nachzulesen ist: https://linksunten.indymedia.org/de/node/85080
In der Nacht zum 2.Mai kam es dann im ganzen Stadtgebiet zu einer beachtlichen Anzahl von Anschlägen auf Jobcenter und Arbeitsagenturen, sowie auf die SPD-Zentrale, ein Bürogebäude und das Landgericht Mitte.
Mehr dazu gibt es hier: https://linksunten.indymedia.org/de/node/85247 und hier https://linksunten.indymedia.org/de/node/85248

Und wie weiter…

Im großen Ganzen können wir sagen, dass wir gar nicht so unzufrieden sind. Auch wenn vieles hätte besser und anders verlaufen können, so denken wir, dass einen Schritt in die richtige Richtung getan wurde, bezüglich einer anarchistischen Auseinandersetzung rund um den ersten Mai.
Auch wenn größere militante Auseinandersetzungen ausblieben, können wir zumindest sagen, dass diese Dinge, die gelaufen sind, genauso wie in den vergangenen 2 Jahren, sehr gezielt stattfanden und so ihren Teil zur Qualität des Ganzen beitrugen. Vieles im Umgang mit den organisierenden Gruppen hat sich durch den ganzen Prozess verdeutlicht und unsere Einschätzungen bestätigt. Was dies für die Zukunft bedeutet wollen wir an dieser Stelle noch nicht festlegen, vielleicht führt es punktuell zu einem Umdenken bei gewissen Gruppen, was neue Möglichkeiten für andere Anlässe eröffnen würde, oder die Positionen und das Verhältnis zueinander hat sich dadurch nochmal verhärtet. Wenn dem so ist, bleibt nur zu akzeptieren, dass uns eben mehr Dinge trennen als verbinden. Wir hoffen weiterhin auf eine lebendige Debatte über unser Handeln, über das Wann, Wie, Wo und Warum.
Eine Bewegung die nicht fähig ist, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen und bereit ist Konsequenzen daraus zu ziehen, hat diesen Namen nicht verdient und ist dem Stillstand preisgegeben.

Gegen das Bestehende! Gegen das Spektakel!
Für die soziale Revolte!
Für den unkontrollierbaren Flächenbrand!