1. Mai Berlin – Agonie und Hoffnung

Ablauf

Die unangemeldete 17:00 Demo am Mariannenplatz starte fast pünklich. Die Präsenz von Zivibullen war im Vergleich zu den beiden Vorjahren noch weiter heruntergeschraubt worden, nur vereinzelte Aufklärungsgruppen waren präsent. Schon nach 100 Meter wurde die Demo von 30 Bullen seitlich begleitet.
Diese kleine Einheit war schon seit Stunden am Rande des Festes postiert und offensichtlich nicht extra für die Demo bereitgestellt worden. In Höhe Legiendamm/Adalbertstrasse stiessen drei weitere Wannen von vorne hinzu. Die Demospitze behauptete an dieser Stelle nicht selbstbewusst die Strasse, sondern wich trotz der ungefähr 1000 Leuten, die folgten, auf das Geländes des Carlo Giuliani Park aus, wo zu disem Zeitpunkt mehrere hundert Menschen einem Konzert des Barrio Antifaschista lauschten.
Von einer „lautstarken“ Ansage von der Bühne abgesehen, dass „die Bullen hier nichts verloren hätten“, konnte die kleine Bulleneinheit völlig unbedrängt die Demo weiter begleiten.
An der Ecke Adalbert/Waldemarstrasse bog die Demospitze wie schon vor zwei Jahren wieder in das zentrale Festgeschehen ein, erneut verlor der Grossteil der TeilnehmerInnen zwischen Bühnen und MyfestbesucherInnen den Anschluss, bis auf die Demospitze war die Demo im weiteren Verlauf garnicht garnicht mehr als solche erkenntlich.
Als der Zug dann ohne das Eingreifen weiterer eintreffender Bulleneinheiten den Lausitzer Platz und damit den Startpunkt der 18.00 Uhr Demo erreichte, hatte das ganze lediglich den Charakter eines grosen Nachmittagsspaziergangs. Nach nicht mal einer halben Stunde war die Angelegenheit, die eher den Eindruck einer Pflichtveranstaltung machte, dann beendet.

Die „revolutionäre 1. Mai Demo“ startete dieses Jahr lediglich mit der berlinüblichen Verspätung von einer Stunde, sodass man/frau/… das Partygeballer auf dem Platz nicht wie im Vorjahr über 2 Stunden ertragen musste.

Es wurde die üblichen austauchbaren Textbausteine verlesen, an der Spitze jede Menge Rote Fahnen und Verbalradikalität.
Der autonom/anarchistische Block fand sich erstaunlich schnell, auf der Köpenicker Strasse liefen dann um die 500 Menschen komplett vermummt und grössenteils in Ketten.
Wie zu erwarten, beschränkten sich die Bullen darauf, die wenigen Querstrassen in Sichtweite, aber außerhalb der Steinwurfweite abzusperren.
Lediglich am Legiendamm war sowohl die Brücke in Richtung Ostbahnhof, als auch der Legiendamm selber von starken Einheiten mit WaWes besetzt, um ein mögliches Abweichen von der Route zu unterbinden. Kurz vor Erreichen der Heinrich-Heine-Strasse löste sich der komplette Block aus der Demo und zog quer durch den dortigen Neubaublock und anschliessend auf dem breiten Grünstreifen neben der Demo her.
Das erste sich bietende Ziel, eine Hundertschaft der Berliner Bullen, die die Demo verdeckt im Neubaublock begleitete, wurde in einem breiten Durchgang massiv mit Steinen angegangen und verzichtete sichtlich beeindruckt auf offensive Aktionen.
Während die Hunderschaft in Eile versuchte, wieder im Neubaublock verdeckt, zur Spitze des „schwarzen Blockes“ aufzuschliesen, was ihr aber aufgrund mangelner Ortkenntnisse nicht gelang, kam es zu weiteren milianten Aktionen. Ein Firmenwagen von Vattenfall wurde zerlegt und umgedreht, die Sparkasse an der Ánnenstrasse entglast und die dort postierten WaWes beworden. (Ein Beispiel dafür, dass die Bullen bei aller akribischen Vorbereitung auch Fehler machen: Ohne operative Einheiten, lediglich mit einer kleinen begleitenen Einheit an dieser Stelle, war auch hier für die Bullen kein offensives Eingreifen möglich.)
Während sich nun grosse Teile des „schwarzen Blockes“ auflösten, weil ab dem Moritzplatz eine seitliche Begleitung erwartet wurde, griffen kleinere Zusammenhänge noch Bullenfahrzeuge am Moritzplatz sowie 150 Meter weiter den Objektschutz an der Shell – Tankstelle an.
Die eigentlich zur seitlichen Begleitung vorgesehenden Hunderschaften (diese sollte wohl ab der 200 Meter weiter liegenden Bundesdruckerei beginnen), eilten aber herbei und ab diesem Zeitpunkt übernahmen die Bullen die Demoregie. Völlig von deren Gnade abhängig durfte die Demo in teilweise engem Spalier nach Mitte laufen und die üblichen „revolutionären Maulhelden“ durften dort im Scheinwerferlicht der Wasserwerfer vor schaulustigen Touristen „ihren Erfolg“ feiern.

Eine erste Einschätzug

Trotz aller Skepsis gelang die Formierung eines „schwarzen Blockes“ sehr schnell (Die Beobachtung in einer ersten Auswertung auf linksunten, es habe dabei Schwierigkeiten und drei unterschiedliche Blöcke gegeben, können wir absolut nicht nachvollziehen).
Die Stimmung im Block war sehr angenehm: Kein Alk, kein Rumgeprolle, keine hirnrissigen Parolen. Wobei wenig gerufen wurde, aber alle haben sich wohl auch die Energie für das Kommende aufgespart. Es wurde sehr rücksichtvoll miteinander umgegangen, es kam keine Hektik auf, einige nutzen die Präsenz des Blockes, um Parolen zu sprühen. Die Vermummung war für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich fast durchgängig komplett und eben nicht lifestyle, was leider in letzter Zeit häufiger der Fall war.
Beim Ausscheren blieben alle gelassen, es wurde nicht unnötig gerannt, der Angriff auf die Bullenhundertschaft war entschlossen (was wohl auch ausschlaggebend für deren Passivität an dieser Stelle war). Wir fanden die weitgehende „Auflösung“ vor dem Moritzplatz richtig.
An einen massenhaften Durchbruch zurück nach 36 war angesichts der verdeckt begleitenen Bulleneinheiten nicht wirklich zu denken und selbst wenn dieser gelungen wäre, hätte sich daraus keine weitere Handlungsoption ergeben. Eine Aufrechterhaltung des Blocks über den Moritzplatz hinaus hätte schnell zur einschliessenden Begleitung und zum Angriff der Bullen auf den Block geführt, wobei wir dieser Konfrontation auf Dauer nicht gewachsen gewesen wären.

Insgesamt ergab sich aber das Dilemma für den Block aus der Kooperation des Demobündnisses mit den Bullen. War schon die Zielführung Brandenburger Tor eine Zumutung, weil völlig klar war, dass spätestens ab Bundesdruckerei/ Axel- Springer ausschliesslich die Bullen darüber entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen die Demo ihr Ziel erreicht, war der Verzicht auf den ursprünglich vorgesehenen Schlenker durch Neukölln/ Kottbusser Damm eine Bankrotterklärung.
Um es in aller notwendigen Klarheit zu sagen: Aufstandsbekämpfung hat viele Gesichter ! Es bedarf keiner geheimen Gespäche zwischen den Bullen und dem Bündnis (Und wir sind auch keine Anhänger von Verschwörungstheorien), aber objektiv war der Preis dafür, dass die Demo nach Mitte ziehen durfte, das Einwilligen in eine Routenführung, die den Bullen eine möglichst effektive Kontrolle über das Geschehen einräumte und aktionswilligen Zusammenhängen ihre Handlungsoptionen massiv einschränkte.

Autonome Reloaded ?

Die Situation in Berlin für eine undogmatische, radikale Linke ist seit Jahren katastrophal.
Autonome Theoriearbeit oder zumindestens die Sammlung von Basics für eine grobe Einschätzung der gesellschaftlichen Situation findet jenseits kleiner Zirkel nicht mehr statt.
Militante Praxis beschränkt sich im wesentlichen auf das nächtliche Einfärben von Fassaden oder Glasbruch durch Kleingruppen.
Oder sie findet im Umfeld von Massenaktionen statt, die im wesentlichen von „Bewegungsmanagern“ initiert und gesteuert werden (Antifa, Mietenpolitische Themen,…).
Der Glanz der gelungenen Aktionen rund um die Räumung des Liebig ist lange verblasst, nach der euphorisch aufgenommenen Demo zu Carlos Ermordung kam eigentlich nichts selbstbestimmtes mehr.
Erst mit der diesjährigen Demo im Februar zum Bullenkongress in Berlin gab es wieder den Versuch, unabhängig von den Elendsverwaltern der etablierten linken und linksradikalen Organisationen wieder eine eigenständige, „autonome“ Politik zu gestalten.

Auch wenn wir nichts alles für gelungen halten, was in diesem Zusammenhang veröffentlicht wurde, gab es doch den Versuch, sich sowohl inhaltlich als auch praktisch substanzierter zu finden.
Und es gab auch, und dies halten wir für einen wesentlichen Punkt, eine ausführliche (öffentliche) Nachbereitung der beteiligten Zusammenhänge.
Ebenso wurden im Vorfeld des diesjährigen 1. Mai diverse Aufrufe zu einem eigenen Block veröffentlicht, sowie sich kritisch mit der Politik und den Handlungen des „Bündnisses Revolutionäre 1.Mai Demo“ auseinandergesetzt.
Wobei wir die Hoffnung, dieses durch interne und/oder öffentliche Kritik unter Druck setzen zu können, eigentlich nur als naiv bezeichnen können (soviel Kritik muss bei aller Zuneigung gestattet sein).
Weil im Kern der Konflikt mit Gruppen wie der ARAB und der ALB (um mal Ross und Reiter zu nennen) ein politischer ist, der sich nicht zukitten lässt.
Das heisst, dass natürlich Bündnisse mit solchen hierachischen vulgärleninistischen und sozialdemokratischen Gruppen nur aus der Position der Stärke heraus gestaltet werden können, so man/frau/… sie überhaupt für wünschenswert hält.
Insofern war der autonom/anarchistische Block, sowie die Debatte darum, ein Schritt in die richtige Richtung, aber eben auch nicht mehr als EIN Schritt.

Auf die Fragestellung, was „autonome Politik“ heute überhaupt sein kann, wenn sie sich nicht erschöpfen will in Dresscodes und dem oberflächlichen Kopieren vergangener scheinbar „glorreicher“ Zeiten, muss an anderer Stelle ausführlicher eingegangen werden.
Wir werden uns daran ebenso mit Freude beteiligen wie an dem „Autonom- Anarchistischen Block auf der 1. Mai Demo.

Liebe Hoffnung Krawall