Ueber den korrekten Umgang mit Loeschpapier

Der folgende Beitrag kritisiert den Text „Nie wieder Löschpapier“, der auch auf unserer Seite unkommentiert veröffentlicht wurde. Wir teilen diese Kritik nicht und wollen auch keine Position in Streitereien beziehen, die vor langer Zeit entstanden sind. „Nie wieder Löschpapier“ haben wir veröffentlicht weil er als Ausgangspunkt für weitere Debatten geeignet ist und weil die dort formulierten Überlegungen tatsächlich Positionen beleuchten, die nicht nur in Berlin die autonome Bewegung bremsen. Die Gegenrede von linksunten:

Ein paar kurze Anmerkungen zu dem 1. Mai Berlin Papier „Nie wieder Loeschpapier“ und eine Kritik an denen, die dieses auf ihren Seiten unkommentiert veroeffentlichen.

Der Versuch den Stil der Texte des „Kommenden Aufstandes“ und der griechischen Feuerzellen einer Reflektion des 1. Mais aufzudruecken, mag sich vielleicht ganz gut lesen, ist aber inhaltlich mehr Farce den Tragoedie.

Schon 1987 glaenzte das 1. „Loeschpapier“ dadurch, dass schon in den ersten Saetzen klar war, dass die damaligen VerfasserInnen doch weniger Zeit vor Ort verbrachten und ihre Wahrnehmung nur sehr punktuell war. Autonome in Bewegung waren es nicht! „Fakten“ wurden mehr auf Papier imaginiert, denn erlebt.

Die Neuauflage ist nur noch als verlogen, denunzierend und spalterisch zu bezeichnen.

Auch hier wird durch Nichtwissen und Unwahrheiten geglaenzt.

Es lohnt nicht das ganze Papier zu widerlegen, wir haben besseres zu tun und es wuerde dem Papier eine Wichtigkeit geben, die es weder in Version eins noch zwei hat.

Dazu genuegt letztendlich ein Blick in „Autonome in Bewegung“ oder in die Texte in den beiden 1. Mai – Broschueren.

Ein paar Beispiele seien aber benannt.

Eine „von Antiimps (oldschool) eifrig bewachte EIGENE Barrikade vor der O3″ war doch wohl eher eine Barrikade nahe des, teilweise mit Holz eingeruesteten, FEB (betrieben von damaligen Frauen- und Lesbenzusammenhaengen), bei der ein Uebergreifen der Flammen ab und an gecheckt wurde. Weder gab es gruppenzugehoerige Barrikaden, noch wurden die Loeschpapier – VerfasserInnen dabei beobachtet, wie sie Sturmhauben (damals noch fast durchgaengig benutzt!) luefteten, um die TraegerInnen zu katalogisieren.

Bullshit also!

Hier soll einer Gruppe, mit der die VerfasserInnen lesbar nichts zu tun hatten, „Feigheit vor dem Feind“ – „abseits der Bullen“ – unterstellt werden. Nicht das einzige Beispiel dieser Art!

Weiter.

Durch ein aus dem Zusammenhang gerissenen Satz von Christian Klar – er gehoert zur Kategorie der HEROES, die Antiimps zu den – feigen – HELDEN (noch nichteinmal ueber diesen Irrwitz stolpern die VerfasserInnen) – soll ausgerechnet dieser gegen Autonome/Antiimps in Stellung gebracht werden.

Auch hier mehr Farce und unfreiwillige Komik, den Tragoedie.

Eine Kritik daran, was wir von Eklektizismus, einem sehr buergerlichen Versuch Menschen das Wort im Maule rumzudrehen, halten, soll auf einem anderen Blatt stehen.

Solidaritaetsgruppen/-Kommitees mit Gefangenen, EA, Rote Hilfe, Knastgruppen ihre Unterstuetzung der Gefangenen zum Vorwurf zu machen und sie abfaellig als „uebliche Spezialisten“ zu diffamieren, zeigt die voellige Entruecktheit der VerfasserInnen. Spaltung, naechster Akt!

Die HEROES (die hier permanent gegen andere in Stellung gebracht oder besser gesagt, funktionalisiert, werden sollen) unterstuetzten die Gefangenen leider doch eher zaghaft.

Zu Norbert Kubat gab es zahlreiche Aktionen, die niemals in gross bis klein, nachts und tags, militant oder gewaltfrei in Rangschemen klassifiziert wurden. Dies wird weder der damaligen Situation noch einem wuerdigen Gedenken an Norbert Kubat gerecht.

Natuerlich muessen auch die damaligen Frauen- und Lesbenzusammenhaenge in Position gegen den Rest der Opportunisten in Stellung gebracht werden.

Absatz fuer Absatz hanebueschener Unsinn und nachtraegliche Spaltungsversuche aufgepeppt mit historischen Fakten, die gerne auch mal zusammengelesen worden sein koennen.

Es war groesstenteils schwarze Nacht, die Luft sehr steinehaltig, lodernde Barrikaden von O – bis Lauseplatz (als Treppenwitz der Geschichte war dort, wo Bullen noch am fruehen Abend das Fest zerschlugen, nachts eine Sanistation der Bullen verortet), vom Kotti bis Waldekiez und Wrangelstrasse, alle und alles in Bewegung.

Moegen die VerfasserInnen den Ueberblick verloren haben beim Sortieren und Klassifizieren der kaempfenden Subjekte.

Uns ist es egal, ob man am 1. Mai, gestern wie heute, die Revolte im Zertreten von Werbeaufstellern im Sueden Berlins oder in Offensivaktionen ausgehend von der Verteidigung eines Festes auszudruecken vermag. Auch hier betrachten wir lieber das Ganze, als 26 Jahre spaeter spitzfindige, trennende Spekulationen und Schubladen zu transportieren.

All das was an diesen Tage gemeinsam lief, mehr als ein Vierteljahrhundert spaeter, und viele der Juengeren logischerweise nur aus Erzaehlungen, Veranstaltungen, Buechern, alten Texten kennen, als ein voelliges Gegeneinander zu praesentieren, sollte die Schamesroete ins Gesicht treiben.

Eure Trennung in HEROES der Nacht , und bremsende, krittelnde, spassfeindliche HELDEN, wirkt letztendlich wie die senatsorganisierte Spaltung in Myfest und Revolutionaere 1. Mai – Demo.

Die Trennungslinie verlaeuft gluecklicherweise nicht dort, wo ihr sie imaginiert.

Aus ein paar bescheidenen (Distanzierungs-) Stellungnahmen vereinzelter Zusammenhaenge, die schon Jahre zuvor in egoistischen Verhandlungen um IHRE Haeuser zu fast jedem Preis, ihren Frieden mit den Regierenden gemacht haben, bastelt ihr ein Ganzes.

AkteurInnen dieser Nacht schrieben schon damals:

„In der 1. Mai – Nacht ergoss sich alles, was alltaeglich da ist an Sexismus, Gewalt, materiellen Wuenschen, Wut, Frust in konzentrierter Form auf die Strasse. Das ist ein gesellschaftlicher Zustand, fuer den die HERRschende Klasse verantwortlich ist. Unsere Verantwortung als politische Kraft liegt darin, uns unserer Rolle darin bewusst zu werden, die Ereignisse zu beeinflussen, positive Sachen aufzugreifen (Wille der Menschen zur Veraenderung der kapitalistischen , vorhandene Gewaltbereitschaft gegen Bullen u. Staat, Bereitschaft zum Verstoss gegen die „Unantastbarkeit“ des Privateigentums) und negativen Sachen entgegenzuwirken (Sexismus, Konkurrenzdenken, Gewalt gegeneinander u.s.w.).

Es nuetzt nichts, sich von den negativen Sachen, die passiert sind, zu distanzieren, denn was passiert ist, ist Ausdruck des gesellschaftlichen Zustandes hier und der Subjektivitaet der Menschen, die daraus entsteht,

Wenn hier einige Autonome diejenigen, die aus ihrer Subjektivitaet heraus kleine Laeden pluendern, als Arschloecher bezeichnen, dann drueckt das ein Nichtbegreifen der Lage der Menschen und eine Bezugslosigkeit zur Situation der unterdrueckten Klasse hier aus.

Es ist sinnlos sich von einem gesellschaftlichen Zustand zu distanzieren, es kommt darauf an, ihn zu veraendern. Da liegt auch unsere politische Verantwortung, Strukturen aufzubauen, den Widerstand zu organisieren.

Es geht hier nicht darum, die Menschen zu bewusstlosen Produkten ihrer Umwelt zu erklaeren und ihre Taten kritiklos hinzunehmen, bei Gewalt von Typen gegen Frauen wird das ganz klar – es geht aber darum, sich klar zu machen, was hier los ist, wie die Menschen drauf sind und aufbauend auf dieses Wissen einzugreifen.“

Anstelle der „Roten Armee aufbauen“ (was strategisch nie falsch sein kann, wenn auch um die Farbe schwarz erweitert), schrieben GenossInnen:

„Fuer revolutionaere Kontinuitaet durch den Aufbau revolutionaerer Strukturen“.

Die VerfasserInnen des „Loeschpapiers“ warten lieber darauf, bis andere Tinte vergiessen! Sie verstehen unter organisieren ihr „Loeschpapier“ abzuladen und zu hoffen (und das gehoert in andere Orte), dass andere sie entzuenden moegen.

Wir fangen lieber an, als zu warten und hoffen…

Gruppe: The older Kids from the Black Block