1. Mai Berlin: Nie wieder Löschpapier

Der folgende Text erinnert an ein (fast) singuläres Ereignis, den Aufstand der BewohnerInnen eines Viertels mitten im kapitalistischen Wohlstand/Normalzustand in der BRD. Die VerfasserInnen begrüssen ausdrücklich den Versuch einiger Gruppen und Zusammenhänge, am 1. Mai wieder die Fragestellung der sozialen Revolte zum Thema zu machen und Wege jenseits der ritualisierten Abläufe zu suchen.

Wer aber über den Ersten Mai redet, darf vom Zweiten Mai nicht schweigen

Als der geplünderte Sekt gekreist und die erbeuteten Zigaretten geschwisterlich geteilt und genüsslich unter der hochgerollten Maskierung gepafft waren (das waren jene Jahre, als der Aufstand noch ein Fest war, und bevor eine selbst ernannte autonome Avantgarde bei Plünderungen als erstes sämtliche Alkoholikaflaschen zerkloppte, auf dass der Pöbel nicht vergesse, dass die Revolution eine ernste Sache sei), erklang aus der Mitte der Feiernden jene zunächst befremdlich anmutende Parole: “Die rote Armee aufbauen !”

Ein Blick quer hinüber zur O 3, wo die Antiimps (oldschool) immer noch eifrig IHRE Barrikade bewachten, (obwohl seit Stunden keine Bulleneinheit auch nur in Sichtweite vorgestoßen war, aber nachdem sie sich nach Stunden des allgemeinen Aufstandes endlich überwunden hatten, selber aktiver Teil des Geschehens zu werden und aus den kümmerlichen Resten des noch zur Verfügung stehenden Materials eine Barrikade errichtet hatten – die nun aber nichtsdestotrotz ihr Werk war, dass sie mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit auch in den nächsten Stunden hüteten) ergab, dass diese Parole wohl aus anderen Kehlen in die Nacht geschmettert wurde.

Wobei sie es schwierig hatte, jene Parole (eigentlich von Anfang an, sozusagen ein programmiertes Handicap, aber darauf ist später zurückzukommen). In jener Nacht ergab sich nun die Schwierigkeit aus dem allgemeinen Lärm, der in erster Linie davon herrührte, dass sich Hunderte nicht mehr damit begnügten, die Pflastersteine rhythmisch aneinander zuschlagen, sondern mit diesen auch auf das Blech umgestürzter Autos, zweckentfremdeter Verkehrszeichen und den metallischen Außenhülle des Hochbahnhofes hämmerten.

Um aber nicht von einer nicht ganz unwesentlichen Angelegenheit des Ganzen abzulenken, muss an dieser Stelle noch einmal betont werden, dass jener Chor dem Beobachter bis zu diesem Zeitpunkt (und eigentlich auch darüber hinaus, soweit sich dies mit Gewissheit sagen lässt), nicht im Geringsten als Anhängerschaft leninistischer Sichtweisen oder Wunschvorstellungen aufgefallen war. So muss an dieser Stelle davon ausgegangen werden, dass jene Forderung (denn darum handelte es sich ohne Zweifel, eine FORDERUNG – kein Wunsch- kein Appell), sich aus anderen Quellen speiste, als der unterdrückten Sehnsucht nach Ordnung und Führerschaft, die ja im Kern immer ein regressives Bedürfnis nach NICHTVERANTWORTUNG ist. Ob in ihrer linken oder rechten Spielart.

Was aber nun mag diese Helden, und es fällt uns gar nicht schwer, dies noch einmal auszusprechen: HELDEN – denn in jener Nacht waren waren ALLE Helden (”Niemand gibt uns eine Chance – Doch wir können siegen – Für immer und immer…”), dazu bewogen haben , eine solche FORDERUNG an die Masse der HEROES zu richten.

Machte sich hier angesichts der GESCHEHNISSE Maßlosigkeit oder gar Größenwahn breit (wobei die Vorstellung eines Allgemeinen Aufstandes ja im Kern immer eine gehörige Portion Maßlosigkeit benötigt), waren sie einem neuem Katechismus verfallen, oder gar konvertiert, so sie andere Götzen zuvor angebetet hatten ? Wir BEHAUPTEN an dieser Stelle
(was ein leichtes ist, denn wer mag jetzt schon noch zu widersprechen), dass aus diesem kollektiven Gedanken (denn jegliche Parole, jegliche FORDERUNG in dieser NACHT war kollektiv) eine spontane Weitsicht sprach, die sich aus mehr speiste, als aus lüsternder Maßlosigkeit und Grössenwahn.

Prolog (und ja, an dieser Stelle)

Über den Ersten Mai ist viel geschrieben und behauptet worden, vieles davon stimmt, aber so wie immer ist ALLES immer ebenso eine Summe, wie auch vielleicht nur eigentlich ein Splitter, der vergessen, aber doch die eigentliche Geschichte erzählt. Und ja, es war schwül an diesem Tag, der Sommer grüßte früh und heiß und das erklärt bestimmt auch mehr als die ungezählten Anekdoten vom Kinderbauernhof und umgestürzten Bauwagen vor der Mauer.

Auf jeden Fall setzte sich am Nachmittag, und noch bevor der Bullenwagen auf die Seite gelegt wurde (was auch wahrscheinlich sowieso passiert wäre, Durchsuchung im Mehringhof hin oder her), ein Trupp von jungen Türken (so sprach man damals, übrigens auf beiden Seite der willkürlichen ethnischen Zuschreibung) scheinbar schlagartig vom Lauseplatz in Richtung Görlitzer Bahnhof in Bewegung. Ihre Anzahl (um die Fünfzig ), ihre Körperhaltung, sowie ihr trotz der Hitze schnelle, und elastische Schritt, ließen mutmaßen, dass es um wesentliche Dinge gehen musste. Wir haben schon darauf hingewiesen: Es war schwül an diesem Tag. Aber auf eine angenehme Art und Weise, mit dieser leicht feuchte Hitze, die das Blut in Wallung bringt, wenn ihr wisst, was wir meinen. Und irgendwo sieht und registriert man an solchen Tagen Geschehnisse, die sonst völlig unbeachtet an einem vorbei ziehen.

Auf jeden Fall kam man schnell ins Gespräch (was keine Schwierigkeit damals war, weil identitäre Zuschreibungen nicht so bedeutend waren, außer jener geteilten als Aufständischer an jenem Tag und in jener Nacht – aber das war ja noch zu dieser Stunde eine ferne Ahnung) und war sich auch schnell handelseinig: Begleitung okay, aber keine Fragen.

So fand man sich dann zwei, drei Genossen mit 50 Jugendlichen auf dem Oberdeck eines Busses wieder. Den hektischen Wortwechseln konnte man nicht folgen, auf ein Kommando, dass man verpasst hatte, wurde der Bus gewechselt und mühsam Anschluss gehalten, um dann in einer Ecke im Süden von Berlin, die man niemals zuvor gesehen hatte (und die ganz sicher ein Vorort gewesen wäre, wenn es denn so etwas wie Vororte damals gegeben hätte), aus dem Bus zu stürmen und durch eine kleine Einkaufspassage zu rennen. Wobei weder Supermarkt noch Bankfiliale ins Visier der Jugendlichen gerieten, aber dafür einige Werbeträger und Aussteller umgetreten wurden. Nach dieser wilden Hatz schien etwas Ruhe in der Meute einzukehren, es wurde ausgiebig auf türkisch beratschlagt, dann zog der ganze Haufen durch die akkurat gepflegten Wege und Pfade einer deutschen Kleingartensiedlung ab.

Woraufhin sich Fassungslosigkeit bei den an diesem sonnigen Feiertag in Massen vertretenden Kleingärtnern breitmachte und die zahlreich gehissten deutschen Nationalfahnen auf einmal am liebsten unsichtbar gemacht worden wären. Von Ferne waren jetzt die ersten Bullensirenen zu vernehmen und unserer Trupp löste sich nach und nach in kleinere Grüppchen auf, die sich wieder nach 36 zurückzogen. Wer nun an dieser Stelle nach dem Sinn und dem GEHALT der ganzen Angelegenheit fragt, dem sei versichert, wenn er oder sie nach eben dem GEHALT des 1. Mai 1987 an und für sich fragt, so ist die Antwort in dieser scheinbar so bedeutungslosen Episode am Nachmittag im KERN enthalten.

Komödie / Tragödie

Während sich also am Morgen des zweiten Mai, und dieser Morgen war ein noch späterer Morgen als gewöhnlich, inmitten der ausgebrannten Autowracks und Skelette der Bauwagen ein ALLGEMEINES LÄCHELN ausbreitete, trieb es einige autonome BERUFSBETROFFENE schon um. Dutzende Wannen kurvten im hellen Sonnenlicht völlig sinnfrei durch die Straßen und wurden von Anwohnern, Schaulustigen und den HEROES der Nacht mit lautem Spott überschüttet.

Als am Abend rund um den Heinrichplatz Hunderte die erneute Konfrontation mit den mittlerweile vorbereiteten Bullen suchten, hielten sich die meisten ORGANISIERTEN AUTONOMEN zurück. Das Ergebnis war ein veritabler Krawall, dessen Ausmaß die heutigen Geplänkel in den Schatten stellen würde, an diesem Tag jedoch als Niederlage erlebt wurde. Die Bullen nahmen Rache, schlugen alles zusammen, was auf der Straße nicht schnell genug war, drangen bis in Kneipen vor und räucherten diese mit Tränengas aus. Etliche wurden festgenommen, viele landeten im Bau.

Die eigentliche Tragödie/Komödie ereignete sich jedoch einige Kilometer entfernt im Mehringhof. Während auf den Gesichtern von VIELEN, die zur Vollversammlung strömten, immer noch ein Lächeln strahlte, stießen sie im Versammlungsraum auf das Grimmen all jener BERUFSBETROFFENEN, die nur darauf warteten, ihren Hang zur Pädagogik der Massen endlich ausleben zu können. Ausgeräumte Kleinhändler und Kleinwagen als Barrikadenmaterial waren ebenso wie Steinwürfe auf Feuerwehrwagen und der Hang des Pöbels, sich während des Festes des Aufstandes einen hinter die Binde zu kippen, VORWAND in aller notwendigen Schärfe das GESCHEHEN so nicht stehen lassen zu können.

Alles Gerede von Selbstbestimmung, hierachiefreien Organisationsansätzen und der ganzen Bäckerei (eines der schlimmsten Bilder des autonomen Pipi Langstrump Flügels, das bis heute immer wieder bemüht wird), wurde im Nu als das entlarvt, was es schon immer war: Propaganda der Verblödung. Der AUFSTAND habe in vorher festgelegter Form und selbstverständlich unter Anleitúng der autonomen Avantgarde stattzufinden.

Oder wie es damals einige GenossInnen als Antwort auf das Gejammer jener autonomen Avangarde ausdrückten: “Auch die politische Szene hat in Kreuzberg ihre Nische. Wenn aber dermaßen lang aufstauter HASS und unterdrückte Wut in der Form eines solchen Aufstandes explodieren, begnügen sich die Menschen nicht mehr mit der von der HERRschaft tolerierten Randale, und AUCH NICHT mit der von einer einflussarmen politischen Szene propagierten. ES KNALLT BIS DIE LUFT RAUS IST.”

“Nie wieder Löschpapier” (Seite 153, Dokumentation zum 1. Mai 1987)

Jene Verstörung, die diese Vollversammlung bei den HEROES zurück ließ (und die medial mit Beifall versehen allgemein kolportiert wurde), war jedoch nur die Ouvertüre zum Prozess der kommenden Monate und Jahre. Während es anlässlich diverser Anlässe und Nichtanlässe (Punkkonzerte / Demos / laue Abende) immer wieder zu Zusammenstössen mit den Bullen kam, wurden sogenannte Kiezpalaver etabliert und Rechtfertigungspamphlete in den Umlauf gebracht. Die Dutzenden von Eingeknasteten wurden jedoch zur Angelegenheit der üblichen Spezialisten.

Lediglich nach dem Suizid von Norbert, der seit dem 1. Mai inhaftiert war, gab es eine größere gemeinsame Aktion, die sich zu den Gefangenen verhielt. Ansonsten wurden Strassenfeste initiert und Gelder für die Gewerbetreibenden gesammelt. Jener Prozess, der sich hin zur alljährlichen Gedenkdemo am 1. Mai entwickelte und der von Anfang an eher an die Aufmärsche in Peking oder Moskau denken lies, als an eine permanente soziale Revolte, kulminierte im Spätsommer 1987 zur offenen Konfronation zwischen einer selbsternannten autonomen Ordnungsmacht und den Freunden des Aufstandes.

Als am Rande eines von der Szene organisierten Strassenfestes am Abend in angemessener Würdigung des Geschehens der letzten Monate EINIGE sich daran machten, den PLUS Supermarkt am Oranienplatz aufzumachen und seine Konsumgüter der Allgemeinheit unentgeldlich zur Verfügung zu stellen, eilten einige AUTONOME herbei und bildeten eine Kette vor dem Supermarkt, um weitere Plünderungen zu verhindern. Nur dem besonnenen Verhalten der Freunde des Aufstandes war es zu verdanken, dass es nicht an dieser Stelle zu einer Massenschlägerei kam.

In dem Konflikt an diesem Abend drückte sich exemplarisch noch einmal jener notwendige Antagonismus aus, der sich eigentlich schon am Abend des 2. Mai gezeigt hatte. Nur dass nun wohl selbst all jenen wohlwollenden Geister (wir wollen in diesem Zusammenhang nicht die Vokabel naiv verwenden, obwohl dies nahe liegt) eigentlich nicht mehr verborgen bleiben konnte, dass sich hier eine realpolitische autonome Option entfaltete. Die sich wiederum in den kommenden Jahren in zahllosen ätzenden Zwischenschritten hin zu jener kruden Mischung aus K Gruppen mit “autonomen” Habitus (oder sollten wir sagen Outfit) und antifaschistischen Linkssozialdemokraten hin entwickelte, die heute die unsägliche Veranstaltung ”Revolutionäre 1. Mai Demonstration” verantwortet.

Shine Like A Diamond

Kommen wir zurück zum Geschehen jener Nacht, verlassen wir die Abgründe der Machtoptionen der diversen Avantgarden. Als also jene Gestalten (die wir der Gerechtigkeit halber und weil wir wohl auch melancholisch milde gestimmt sind, wenn wir an jene Nacht denken, als zu mindestens unbewusst eher dem Vermächtnis einer Situationistischen Internationale zurechnen wollen, als einer wie auch immer gearteten leninistischen Tradition), jene FORDERUNG an ALLE stellten: “Die Rote Armee aufbauen”, verwiesen sie auf eine Praxis, die erstens bis in die Anfänge der 80iger in 36 zurückreichte und zweitens bis in die mörderischen Jahre der Wiedervereinigung weisen sollte.

Da es für den Aufstand am 1. Mai 1987 keine allgemein gültige Erklärung gibt, die im Nachhinein konstruierten Zusammenhänge, hier genauso wie bei allen anderen Aufständen, nur billige Erklärungsmuster darstellen würden, wollen wir an dieser Stelle keine weiteren ebenso überflüssigen, wie banalisierenden Ableitung präsentieren. Wobei aber aber doch unbedingt auf einige (kurz gehaltene) Aspekte hingewiesen werden muss, weil es ohne diese keinen Aufstand am 1. Mai 1987 und auch nicht die Kämpfe der folgenden Jahre hätte.

Die 80iger waren geprägt von ständigen militanten Auseinandersetzungen im Stadtteil, wobei sich die Akteure des häufigeren nicht auf die üblichen Verdächtigen beschränkten. Die Praxis der Bullen, am 2. Mai 1987 ganze Kneipenansammlungen zu stürmen und mit CN einzunebeln, war eben nicht eine kalkulierte Abschreckungsstrategie oder die billige Rache einzelner Bullenabteilungen, sondern eben genau nur die Fortschreibung jenes Verhaltens, dass seit Jahren die allgemeingültige Praxis einer Besatzungsmacht war, die sich um eine politisch motivierte Differenzierung nicht scherte.

In einem proletarisch geprägten Viertel, in dem sich Heimatlose aus dem Süden Europas mit den Flüchtlingen vor Wehrpflicht und monotoner Arbeitsproduktivität trafen, war der Hang, sich der allgemeinen Verwertung zu entziehen, ebenso ausgeprägt, wie eine staatsferne Alltagsrealität. Wer immer bei den militanten Auseinandersetzungen jener Jahre vor den Bullenhorden in die Hausflure und Treppenhäuser flüchtete, konnte sich sicher sein, dass sich ihm eine Wohnungtür öffnete, noch bevor die nachsetzenden Bullen ihn im Treppenhaus zusammenschlagen konnten. Hier konnte man durchatmen, sich das Tränengas aus dem Gesicht waschen, bekam einen kräftigen türkischen Schwarztee serviert und wurde dann mit aufmunternden Schulterklopfen und frischem Zitronensaft für das Halstuch in das Geschehen auf der Straße entlassen. So mancher Nachbar machte seinen Unmut über das Vorgehen der Bullen auch dadurch deutlich, dass er diese aus seinem Fenster mit Blumentöpfen, oder anderen Gegenständen, die gerade greifbar waren, bewarf.

Ebenso allgemein verbreitet war der Versuch, sich den üblichen Verwertungslogiken zu entziehen. Die Sachbearbeiter im Sozialamt am Bethanien hatten schon lange kapituliert, wohl nirgends in der Republik wurden Anträge so “wohlwollend” geprüft, im Zweifelsfall erschien eben eine größere “Abordnung”, um Streitigkeiten im Sinne der Bezieher der Transferleistungen zu klären.

Während beim Besuch des US Präsidenten 1982 noch eine Ansammlung von mehreren tausend Menschen am Nollendorfplatz mit Stacheldrahtverhauen eingekesselt wurde, ging man 1987 dazu über, einen ganzen Stadtteil, eben SO 36, komplett mit Checkpoints abzuriegeln und den öffentlichen Nahverkehr in diesem Gebiet einzustellen. Wo doch ein allgemeiner Aufschrei über diese Verletzung der allgemeinen Spielregeln zu erwarten gewesen wäre, fiel die Empörung der Demokraten dann doch eher verhalten aus. Weil eben ALLGEMEIN angenommen wurde, dass man diesen Stadtteil aus GUTEM GRUND abgeriegelt habe, seine Bewohner aus gutem Grund unter Generalverdacht stünden. Auch wenn sich das natürlich nicht gerade appetitlich darstellte.

Während also nun die Fraktion der Verantwortungsbewussten Autonomen mit sogenannten Kiezpalavern und Aufklärungsflugblättern auf Tour gingen, um die Bevölkerung im Viertel zu erreichen, ist der Irrwitz an der ganzen Geschichte, dass es solcher Verrichtungen gar nicht bedurft hätte, wenn man seine identitäre Scheuklappen nur für einen Moment gelüftet hätte. Es gab keine “Bevölkerung aufzuklären”, keine Notwendigkeit, sich in ermüdenden Plenas zusammenzufinden (die aus gutem Grund von Menschen jenseits der Szene gemieden wurden). REAL war man einfach nur Teil eines ALLGEMEINEN AUFSTANDES geworden. Anstatt sich nun dankbar an der Aufgabe zu versuchen, wie man sich dies zu Nutzen machen könne, wurden selbstherrlich Spielregeln verkündet (kein Alk, keine kleinen Autos, kein übermässiger Spaß) und Ersatzhandlungen vorgenommen. Die absolute Überflüssigkeit solcher Veranstaltungen wie die Etablierung einer Revolutionären 1. Mai Demo (Schon die Namensgebung lässt eher an die unsäglichen Versuche der K- Gruppen 15 Jahre zuvor denken) manifestierte sich spätestens am 1.Mai 1989, wo einer bestens vorbereite Staatsmacht ihre Grenzen aufgezeigt wurden.

Die Tatsache, das es während der Demo möglich war, diverse Geschäfte platt zu machen, sowie an einigen Stellen Plünderungen zu initiieren, mag noch den taktischen Fehlern und Fehleinschätzungen der Einsatzleitung geschuldet gewesen zu sein (spätestes mit dem Heranführen größerer Einheiten und der Bildung eines engen Spaliers in der Werbellinstrasse verlief die Demo ja auch nicht weiter aufregend), letzendlich wäre aus Sicht der Bullen mit dem Geschehen während der Demo wohl zu noch zu leben gewesen.

Das Eigentliche ereignete sich jedoch an diesem Tag erst nach Beendigung der Demo (die damals noch um 13.00 Uhr begann), als am späten Nachmittag und Abend die ganze Sache rund um den Lausitzer Platz völlig aus dem Ruder lief. Ganze Hundertschaft wurden durch die Straßen gehetzt, verängstigte Bullen, die sich hinter ihren Schildern einigelten und hilflos mit Steinen zurückwarfen. Gegen WaWes und Räumpanzer flogen immer wieder Mollis, teilweise fuhren die Bullen in größeren Kolonnen einfach nur noch ziellos hin und her, wurden dabei so eingedeckt, dass sie sich nicht mehr trauten, ihre Fahrzeuge zu verlassen. Als am Abend eine Menge von über tausend Menschen geschlossen mit Steinen auf eine große Bulleneinheit zurennt und diese zum schleunigsten Rückzug zwingt, ist der Tag für die Bullen endgültig gelaufen. Alle weitere Anstrengungen der Staatsmacht dienen nur noch dazu, das Gesicht zu wahren, am Ende gibt es über 300 verletzte Bullen, sämtliche Einsatzfahrzeuge haben etwas abbekommen und es gelingen im Laufe des gesamten Tages und der Nacht nur 20 Festnahmen, von denen 3 Leute im Knast landen.

Geschichte wiederholt sich als…

Die Niederlage der Bullen am 1. Mai 1989 löste innerhalb aller politischen Lager pures Entsetzen aus. Konnte man den 1.Mai 1987 noch als singuläres Ereignis abtun, das für die Bullen nicht voraussehbar war und dem sie mit nur einigen einsatzbereiten Hundertschaften nicht Herr werden konnten, bot sich nun ein völlig anderes Szenario dar. In den beiden letzten Jahren hatten die Berliner Bullen massiv aufgerüstet. Vollkörperschutz für alle, neue technische Geräte und herausgehend aus den Erkenntnisgewinnen der faschistischen Prügelavangarde EbLT war die Einsatzhundertschaften und ihr Vorgehen völlig umgestellt worden. Ebenso waren am 1. Mai 1989 mit über 1500 Bullen genügend Kräfte im Einsatz, um ein eigentlich überschaubares Gebiet vollständig unter Kontrolle zu bringen. Da aber eben dies nicht einmal ansatzweise gelungen war, mussten nun neue Mythen erschaffen werden, denn HERSCHAFT ist im Kern ja meistens nur geliehende Macht. So wurde denn das Märchen von den Bullenführern in die Welt gesetzt, die den Einsatz gegen die Wand gefahren hätten, um dem gerade angetretenen Regierungsbündnis von SpD und Alternative Liste eins auszuwischen. Und damit die HEROES nicht allzu übermütig werden, wurde (besonders gerne von der taz) von bewaffneten Anwohnern fabuliert, die dem chaotischen Treiben ein Ende setzen wollten.

Wo soviel Angst vor einem allgemeinen Kontrollverlust florierte, durften die Autonomen nicht fehlen. Eben jener Realo Flügel, der sich schon zwei Jahre zuvor voller ENTSETZEN von dem aufständischen Treiben distanziert hatte, verlustierte sich nun anhand eines unmittelbar neben der Demoroute angezündeten Containers. Dieser musste als Beweis für die Ziellosigkeit und GEFÄHRDUNG ALLER durch EINIGE herhalten. Ebenso beliebt in den Wochen nach dem 1. Mai war das allgemeine Gerede in einigen autonomen Kreisen von “Mackermilitanz”, wenn über den Sieg über die Bullen am Lausitzer Platz geredet wurde. Über die Entwertung des Anteils von Frauenzusammenhängen an den militanten Aktionen, das Unsichtbarmachen von feministischer Praxis ausgerechnet durch männliche/gemischte Zusammenhänge haben an den Kämpfen beteiligte Frauenbanden in der Radikal damals alles notwendige dazu gesagt.

Darüber hinaus

Das am 1. Mai 1989 neu geschmiedete Bündnis in SO 36, dem keine ideologischen Phrasen zugrunde lagen, sondern eine geteilte alltägliche Erfahrung und der Unwillen, diese in OHNMACHT ertragen zu wollen, sollte sich auch in naher Zukunft bewähren. Als nur wenige Monate später, nach dem Mauerfall besoffene Faschohools immer wieder von der Oberbaumbrücke zum U Bahnhof Schlesischen Tor zogen, bekamen sie so lange auf die Fresse, bis sie sich andere Wege durch die Stadt suchen mussten. Die ersten, die am Alex den Nazis das Terrain streitig machten, waren Banden von Migranten, die sich dort etablierten. Nach Überfallen von Faschos zogen regelmäßig buntgemischte Trupps durch den Ostteil der Stadt und machten Jagd auf die Nazis und ihre besoffene Volksgemeinschaft.

In den folgenden Jahren war SO 36 am 20. April immer in allgemeiner Aufregung Hunderte sammelten sich, um Übergriffe von Nazischlägern zu verhindern oder um sich gemeinsam in Richtung Ostberlin aufzumachen, dabei kam es immer wieder zu heftigen Kämpfen mit den Bullen. Nach dem faschistischen Massaker in Mölln zogen Tausende spontan durch die Straßen von SO 36, die auftauchenden Bulleneinheiten wurden sofort massiv attackiert.

Als der Nazifunktionär Kaindl im April 1992 zusammen mit anderen Faschos am Kottbusser Damm zu speisen wagte und bei der anschließenden Auseinandersetzung mit der migrantischen Antifa durch einen Messerstich getötet wurde, erschienen nun wieder all jene VERANTWORTUNGSBEWUSSTEN AUTONOMEN auf der Bildfläche, denen Politik machen zur Gewohnheit geworden war und die nun wortgewaltig einen Eiertanz zwischen Nichtdistanzierung und Diffamierung aufführten.

All jenen, denen zur Last des alltäglichen sozialen Krieges, dem sie aufgrund ihrer REALEN Situation unterworfen waren, nun auch noch die volksgemeinschaftliche Krieg erklärt worden war (mit der Folge von Dutzenden Ermordeten), war diese Intervention zur Differenzierung nur noch Hohn und Spott wert. Vielleicht etablierte sich ja in jenen Tagen schon jene zivilgesellschaftliche Antifa, die heutzutage mit Winkelementen auf dem Boden hockend, die Staatsmacht anfleht, den bösen Nazis ihren Marsch zu verwehren.

Epilog/ Oberfläche

“Wir erleben die Rückkehr der Oberflächenverliebtheit”, schrieb Christian Klar schon Anfang der 90iger aus dem Knast, in dem er wegen seiner Mitgliedschaft in einer bewaffneten Formation des AUFSTANDES einsaß. Andere sprechen von der Gesellschaft des Spektakels, die GenossInnnen von Tiqqin gehen von einem totalgesellschaftlichen binären Code aus, dem nur im Rauschen zu entkommen ist. Fern jener diffenzialdiagnotischen Begrifflichkeiten gilt es trostlos Bilanz zu ziehen. Der Niedergang des Staatskapitalismus hat auch all Jene ihrer politischen Verortung beraubt, die sich fern des Hochniedermit wähnten. Während in den letzten 10 Jahren mehrere AUFSTÄNDE Europa und den Mittelmeerraum erschütterten, verfiel die POSTAUTONOME LINKE in Begriffslosigkeit und Handlungsunfähigkeit.

Am 27. Oktober 2005 brachen in den Vorstädten Frankreichs Unruhen aus, die sich über drei Wochen hinzogen und zur Verhängung des Ausnahmezustandes führten. Während der gesamten Zeit blieben die Protagonisten unter sich, von einigen wenigen Anarchisten abgesehen, die Flugblätter verteilten. Während also der Staat in völliger Weitsicht mit dem Rückgriff auf eine Gesetzgebung aus der Zeit des Algerischen Unabhängigkeitskrieges den Gehalt der gesellschaftlichen Auseinandersetzung auf den Begriff bringt, kommt es erst drei Wochen nach Beginn der Unruhen zu der einzigen nennenswerten linken Intervention, als Tausende fern ab des Geschehens auf der Avenue des Champs-Élysées zur demokratischen Besonnenheit mahnen. In Berlin brennen im Stadtteil Moabit einige Autos, was nur die lokalen Medien beunruhigt, ansonsten aber keine weitere Beachtung findet.

Der Aufstand 2008 in Griechenland nach dem Mord an Alexis findet unter besonderen Bedingungen statt. Alexis war ein Teil der anarchistischen/antiautoritären Bewegung, zur völligen Überraschung der Szene beteiligen sich Tausende von Migranten, Schüler und Hools an den folgenden Kämpfen . In den kleinsten Orten werden Bullenreviere angezündet, erst das christliche Weihnachtsfest kann die Dynamik der Auseinandersetzungen stoppen. Während es u.a. in Italien und Spanien zu copyriots kommt, bleiben militanten Interventionen in der BRD interessanterweise im wesentlichen auf kleinere Orte beschränkt. Erst ein Jahr später kommt es in Hamburg zu dem bekannten Angriff auf die Lerchenwache, der Ermittlungen des BKA nach sich zieht.

Die Aufstände in Nordafrika und im Nahen Osten, deren Wellenbewegungen bis heute anhalten, fanden hier so gut wie keinen Widergang, wenn man mal vom bescheuerten Yalla Motto der 1. Mai Demo 2011 in Berlin absieht. Ähnliches gilt für den heißem Sommer 2011 in England, in dem die Bullen in mehreren INNENSTÄDTEN über Stunden keine ALLGEMEINE KONTROLLE mehr ausüben konnten. Auch hier gab es nur völlig deplatzierte Banalisierungen, wie z.B. anlässlich einer “Solidaritätskundgebung” vor der britischen Botschaft.

REAL finden wir mittlerweile eine Situation vor, in der die diverse Sekten und Parteigänger eine IMAGINATION VON WIDERSTAND erschaffen, sich dabei der CODES und BILDER des Aufstandes bedienen, im Kern aber nur eine trostlose Elendsverwaltung betreiben. Dabei unterscheiden sie sich im übrigen nicht von den diversen “autonomen” Zentren, die im Zweifelsfall Gerichtsprozesse um Schankgenehmigungen führen oder unangemeldete Strassenfeste organisieren, dabei mit dem RIOT FEELING posen, aber nicht mal in der Lage sind, soviel Organisierung und Verantwortung zu übernehmen, um ein Dutzend Idioten tatsächlich in die Schranken weisen zu können.

Wer also auf der Suche nach den TATSÄCHLICHEN FREUNDEN des AUFSTANDES ist, wird sich der Mühe unterziehen müssen, andere , ungewohnte Pfade zu betreten, auch auf die Gefahr hin, sich jenseits der Selbstverortungen/Identitäten der Szene ziemlich einsam zu fühlen. So wahr es ist, dass wir alle in einer Welt des Spektakels leben und die Totalität des Systems alle Lebensbereiche durchzieht, uns keine Intimität mehr gegönnt ist, es keinen Freiraum, keinen Fluchtpunkt mehr gibt (außer den Drogen, die ALLE einwerfen und die letztendlich den Wahnsinn ins Unendliche verlängern), so werden wir auch feststellen, dass wir auf so viele andere treffen , die eigentlich auch alles ganz anders wollen. Wenn wir denn den Kordon unserer Identitäten verlassen, um diese Menschen überhaupt begegenen zu können. Woran es nicht fehlt, ist die Sehnsucht nach einem anderem Leben, wahrscheinlich war diese Sehnsucht seit 20 Jahren in dieser Gesellschaft nicht mehr so allgemein verbreitet. Was uns fehlt, sind produktive Vorschläge für einen ALLGEMEINEN AUFSTAND und ein konsequenter Abschied von all jenen, die sich eingerichtet haben in der moralischen Überlegenheit des Ewigen Opfers und die dabei sind, andere an ihr Schicksal zu ketten.

Sich finden – Organisieren- Aufstand